"Losgelöst vonne Politik und von all so’n nervigen Krom hier mal ‘ne kleine Story zur Nacht …so von weit vor’m Gestern…. "

Tell sailor, tell me a story, tell me a story of the sea.

Mit einem ordentlichen Tritt in den Achtersteven hat mich neulich jemand mit einer Geschichte vom Mastkorb der “Lisa von Lübeck“ daran erinnert, mal wieder ‘ne kleine Story aus längst vergangenen Zeiten zu erzählen. Tja - und diese Vorlage hatte was, nämlich …..MEIN LEBEN IM UND UM DEN MASTKORB

Nur - wo fange ich nun an…?

Eine Erzählung von Hans Rickert

Es begann im September 1955 in Hamburg, in einem kleinen Musterungsbüro der „Olympic-Challenger Walfang-Flotte“ am Harvesterhuder Weg 13. Hier hatte ich mich für die Fangsaison 1955/56 beworben und wurde auch als Leichtmatrose (so etwas gab’s damals nämlich noch…) auf dem Fangboot 13, der “Olympic Tracer“ angenommen.

Am 4.10. war mein „Dienstantritt“ an Bord. Das Boot lag in Cuxhaven im Amerika-Hafen, gleich um die Ecke hinterm Steubenhöft. Ich brachte meinen Seesack an Bord und – Mensch, war ich hungrig auf das Abenteuer Antarktis… damals noch nahezu das Ende der Welt….und im Gegensatz zu heute für Otto Normalverbraucher praktisch unerreichbar!

Nach der Begrüßung durch die bereits eingetroffenen, zum Teil schon erfahrenen Kollegen sahen wir uns das Boot an und nach der ersten Besichtigung mußte ich einfach mal rauf – seine Anziehungskraft auf mich war unwiderstehlich – rauf in den MASTKORB ! Der Mastkorb war so eine Art stählerne Tonne, ca. 1,60 m hoch und etwa 80 cm im Durchmesser, ausgestattet mit einer hölzernen Greeting als Fußboden und einer kleinen hölzernen Sitzbank. Zum Einstieg in die „Tonne“ befanden sich an der Außenseite einige stählerne Griffe/Tritte quasi als Verlängerung der „Kletterhilfe“ zwischen den Wanten.

Am 8.10. fuhren wir dann endlich los – vorbei an Dakar (Bunkern), St. Helena, Tristan da Cunha und nach einem etwa 10tägigen Aufenthalt in Grytviken auf Süd-Georgien ging’s ab ins eigentliche Fanggebiet. Während dieser Zeit und den vielen Vorbereitungsarbeiten an Bord geriet mein Mastkorb vorübergehend praktisch in Vergessenheit – aber dann…!

Unsere 15 Fangboote waren etwa wie folgt (im Wechsel) eingeteilt: meistens waren etwa 10 Boote auf Jagd, 2-3 Boote waren sogenannte „Bojenboote“, die die Aufgabe hatten, die geschossenen Wale einzusammeln und zum Mutterschiff zu bringen und 2 oder 3 Boote waren die „Wächter“ (die hatten den besten Job) mit der Aufgabe, fremde Schiffe sofort an den Fangleiter auf dem Mutterschiff zu melden, damit die auch mal unerlaubt geschossenen Wale rechtzeitig verarbeitet werden konnten, ehe der „Fremdling“ sie hätte entdecken können. Natürlich haben wir auch nach Walen, die dann dem Mutterschiff gemeldet wurden, Ausschau gehalten.

Bei Beginn der Jagd waren wir „Wächter“ und alldieweil die Sonne im antarktischen Sommer kaum unterging, war der Mastkorb praktisch rund um die Uhr mit einem etwa stündlich wechselnden Ausguck besetzt. Bei ruhigem Wetter ein (bis auf die Kälte) ruhiger Job. Aus dem Mastkorb ließen sich Wale prächtig beobachten; anmutig war einmal anzusehen, wie eine Walmutti mit ihrem Jungen ganz gemächlich unter unserem Schiff hindurch tauchte und sich dabei den juckenden Rücken an unserem Damper geschubbert hat….

Unangenehmer wurde es schon mal bei deftigem Wetter, insbesondere, wenn die See vonne Seite anrollte. Meist war es dann irgendwie besonders kalt, gelegentlich „fegte“ dann auch mal ein leichter Schneeschauer über’n Korb. Man zog sich an wie ‘ne Zwiebel….immer noch was drüber ! Die Füße steckten in kniehohen, triefend eingefetteten Lederstiefeln und für die frierenden Hände hatten wir damals sogenannte „Wanten“ – Filzhandschuhe bis eben unterhalb des Ellenbogens. Dermaßen verpackt ging’s rauf in den dann gar nicht mehr so geliebten Mastkorb – ‘s war so’n richtigen Quälkram…! Aufpassen mußten wir, derart verpackt, beim Auf- und Absteigen auf den spiddeligen Leiterstufen und wenn das Schiff zur eigenen Seite überholte, festkrallen, sonst wär‘ man butenbords geworfen worden…Brenzlig war in solchen Momenten   immer wieder der Ein- und Ausstieg über den Rand des Korbes (ich erinnere: der „Blechtrommel“…). Nunja, nach Anfangserfahrungen wurde es für uns Alltag – ischa man auch nichts passiert….

Ich erinnere mich an meinen ersten „Besuch“ in der Tonne bei schlecht Wetter – vorher praktisch nicht seekrank gewesen, aber …. Die heftigen Bewegungen in der Mastspitze…!!! Da ging’s einfach los, nur – wohin? Der Wind kam von vorne, wir hatten nur eine nach oben offene Brücke und die Kollegen sollten ja eigentlich verschont werden. Also, rein in den linken Filzhandschuh (ich bin Rechtshänder…), bis nichts mehr kam und dann den Handschuh mit Schmackes nach außenbords geworfen, nur – der Wind war so heftig, daß der Handschuh mit einem „Platsch“ auf der Brücke gelandet ist…!

Nicht so schön – mußte aber sein, war ja unser Job – war der Aufenthalt im Mastkorb während der Jagd. Man wußte in etwa, wo der Wal wieder auftauchen würde, sah dieses auch bereits recht früh und dirigierte das Schiff in die entsprechende Richtung, damit der Schütze sich darauf einstellen konnte. Man wußte auch, daß der Wal, einmal entdeckt, kaum eine Chance hatte – in so weit ….im Nachhinein einfach nicht darüber nachdenken…! Zwar selten, aber es kam schon mal vor, daß die Blechtonne im Mast bei der Explosion der Harpunen-Granate von Granatsplittern getroffen wurde – ich selber habe es jedoch nur ein einziges mal klötern hören…..

Erinnerungen zum Ende dieser Story - es gab auch unheimlich schöne Momente da oben im Mastkorb…! Bei Windstille die spiegelglatte See, das zuckende Nord(Süd)licht am Himmel, hier und da bizarre, optisch Kälte ausstrahlende, aber wirklich schöne Eisberge, die blasenden Wale (teilweise so viele, daß es in der Ferne wie eine Tannenschonung aussah) und nicht zu vergessen….die Albatrosse am Himmel – vor allem aber…. die absolute Stille, die unendliche Weite und das Gefühl, wirklich irgendwo am Ende der Welt zu sein …….so ganz alleine ….. da oben im MASTKORB.""